Schriftsteller in der Ukraine: Patriotisch, aber pessimistisch
Frankfurt a.M., Kiew (epd).

Drei Jahre nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine hat der Krieg die Schriftsteller des Landes längst eingeholt. Statt der schönen Literatur widmen sie sich der Politik, thematisieren in Sachbüchern, Essays, Kommentaren und Social-Media-Posts die schrecklichen Folgen des Konflikts. Seit US-Präsident Donald Trump aber vor wenigen Tagen erklärte, dass er direkte Friedensgespräche mit dem Aggressor Wladimir Putin aufnehmen will, scheint der Kampfgeist der Intellektuellen einer „Atmosphäre der Unsicherheit“ zu weichen. So erlebt es jedenfalls der Autor Andrej Kurkow in Kiew.

„Es sieht so aus, als ob 2025 ein entscheidendes Kriegsjahr wird“, sagte Kurkow dem Evangelischen Pressedienst (epd), „aber unter den Ukrainern herrscht nicht viel Optimismus“. Der Schriftsteller verfolgt die Bemühungen Trumps zunächst über die Köpfe der Ukrainer hinweg mit viel Skepsis. Trump werde höchstens einen Waffenstillstand erreichen, so Kurkow, nicht aber ein dauerhaftes Friedenskommen, das der Ukraine Souveränitätsgarantien und unveränderliche Grenzen gebe.

Mehr als 100 Schriftsteller getötet

Viele ukrainische Autoren sind inzwischen nicht mehr nur „Chef-Erklärer“ ihrer Nation (Suhrkamp-Lektorin Katharina Raabe); sie sind selbst zu Aktivisten und Soldaten geworden. In den zurückliegenden drei Jahren haben Kurkow zufolge mehr als 100 Schriftsteller und Dichter der Ukraine ihr Leben verloren, die meisten bei Kämpfen. Kurkow, der von 2018 bis 2022 auch PEN-Präsident seines Landes war, berichtet, viele nicht kämpfende Autoren hätten die Armee unterstützt, etwa Andriy Lyubka aus Uzhhorod, der Spenden für mehr als 250 Jeeps und Pick-ups für die Front auftrieb.

Oder der Schriftsteller Juri Andruchowytsch („Die Lieblinge der Justiz“, „Der Preis unserer Freiheit“). Er warf Russland vergangenes Jahr in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) vor, einen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine zu führen. Das von ihm gegründete Untergrund-Kulturzentrum „Vagabondo-Zirkus“ in Iwano-Frankiwsk wurde zum Treffpunkt für geflohene Künstler.

Serhij Zhadan, Friedenspreis-Träger des Deutschen Buchhandels 2022, tut seit fast einem Jahr Dienst in der ukrainischen Armee. Von Beginn des Krieges an half er in Charkiw, Kinder zu evakuieren, er verteilte Lebensmittel, gab Konzerte und Lesungen in U-Bahn-Schächten, lieferte Material an das Militär. Der 50-Jährige steht damit pars pro toto für die Mehrheit ukrainischer Autorinnen und Autoren.

„Zwischen roher Kraft und Poesie“

Als Zeuge der schrecklichen Zerstörungen und als politischer Kommentator postete er fast täglich öffentlich auf Facebook. Poesie, Videos von der Front und Crowdfunding wechselten sich hier ab. „Zhadans Texte pendeln zwischen roher Kraft und Poesie“, schrieb die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ), das Medium sei egal. Sein zur Buchmesse 2022 erschienenes Buch „Himmel über Charkiw“ bestand aus einer Sammlung von FB-Posts der ersten 100 Kriegstage. Nun hat Zhadan seinen Account verriegelt, einsehbar ist er nur für 41 Freunde.

Die ukrainische Literatur spielt nach Einschätzung Andrej Kurkows in der Ukraine selbst heute nur noch eine geringe Rolle. Das sei in den ersten beiden Jahren nach der russischen Invasion anders gewesen. „Die Bücher über den Krieg werden immer noch veröffentlicht, aber sie werden jetzt weniger gelesen“, sagte der 63-Jährige, der in St. Petersburg geboren wurde und seit langem in Kiew lebt. Stattdessen bevorzugten die Leser ausländische Belletristik, die sie von der düsteren Realität etwas ablenke. Kurkow konstatiert eine „Müdigkeit“ in der ukrainischen Gesellschaft.

Zahlreiche Bücher ins Deutsche übersetzt

In Deutschland und der Schweiz erscheinen indes in diesem Frühjahr wieder neue Bücher bekannter ukrainischer Autoren; einige haben zum literarischen Schreiben zurückgefunden. Von Serhij Zhadan, der schon 2024 mit „Chronik des eigenen Atmens“ neue Gedichte veröffentlichte, erscheint im März „Keiner wird um etwas bitten“ (Suhrkamp). Es ist ein Band mit Geschichten, die den ukrainischen Alltag inmitten von Bedrohung, Tod und Zerstörung schildern, „literarisches Dokument einer neuen Realität“, wie der Verlag ankündigt. Von der in Berlin lebenden FAZ-Kolumnistin Katja Petrowskaja kommt exakt am dritten Jahrestag des Kriegsbeginns (24. Februar) ein Buch mit Texten aus dem Krieg heraus: „Als wäre es vorbei“ (ebenfalls Suhrkamp).

Andrej Kurkow („Graue Bienen“, „Samson und Nadjeschda“, Diogenes) hat jetzt den Roman vollendet, den er 2022 erst einmal hat liegen lassen. Kurkow, dessen Muttersprache Russisch ist, hat ihn auf Russisch geschrieben; aber veröffentlicht wird er in ukrainischer Sprache. „Buchhandlungen möchten keine Bücher auf Russisch verkaufen, daher machen russische Publikationen für die Verlage keinen Sinn“, sagt der Autor. Offizielle Einschränkungen gebe es nicht.

Kurkow, der Sachbücher und Kinderliteratur auch in ukrainischer Sprache verfasst, möchte seine Romane aber auch weiterhin auf Russisch schreiben, der Sprache, in der er von Kindheit an fühlt und denkt. Der dritte Band seiner „Samson“-Reihe wird voraussichtlich im Herbst bei Diogenes erscheinen.

Von Renate Kortheuer-Schüring (epd)