
Die Berliner Künstlerin Andrea Büttner hat einen vom Domkapitel ausgelobten internationalen Wettbewerb für ein Kunstwerk im Kölner Dom gewonnen. Ihr Siegerentwurf sieht ein Gemälde an der Stirnwand der Marienkapelle des Kölner Doms vor. Das Gemälde soll das Steinfundament des Thoraschreins aus der ehemaligen mittelalterlichen Synagoge Kölns in Originalgröße abbilden. Es wird über dem von Stefan Lochner im Jahr 1442 geschaffenen Altar der Stadtpatrone entstehen. Das neue Kunstwerk soll nach dem Willen des Domkapitels dem gewandelten christlich-jüdischen Verhältnis seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Ausdruck verleihen.
Das Gemälde solle einen Dialog mit den antijüdischen Artefakten im Dom aufnehmen, sagte Dompropst Guido Assmann. „Das Kunstwerk wird auf den bisher verborgenen Zusammenhang zwischen einer zerstörten Synagoge aus Köln und einem Altar hinweisen“, erklärte Büttner. Der Altar von Lochner befand sich ursprünglich in einer Kapelle, die 1424 an der Stelle der früheren Synagoge errichtet wurde, nachdem die jüdische Bevölkerung vertrieben worden war. Er stand auf dem erweiterten Fundament des Thoraschreins.
Büttners Gemälde solle den Eindruck erwecken, als schwebe das Fundament des Thoraschreins über Lochners Altarbild, erklärte die Vorsitzende der Wettbewerbsjury, Andrea Wandel. Die Künstlerin mache mit ihrem Entwurf komplexe historische und theologische Zusammenhänge sichtbar. „Die Arbeit zeigt exemplarisch eine Möglichkeit auf, den antijüdischen und antisemitischen Bildwerken in Kirchen zu begegnen.“
Das Kunstwerk sei „ein mutiger Schritt nach Jahrhunderten der Diffamierung und Ausgrenzung“, lobte der Vorsitzende der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Jürgen Wilhelm. „Das ist wirklich eine Sensation.“
„Das Wandbild macht einen neuralgischen Punkt im christlich-jüdischen Verhältnis sichtbar“, sagte Abraham Lehrer, Vorstandsmitglied der Synagogengemeinde Köln und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Büttner eröffne mit ihrer konzipierten Malerei „einen Denkraum zur permanenten Befragung des christlich-jüdischen Verhältnisses in Gegenwart und Zukunft“.
Der Prozess der Aufarbeitung der antijüdischen Artefakte im Kölner Dom werde durch dieses Kunstwerk nicht abgeschlossen, erklärte Assmann. Es lade vielmehr dazu ein, sich exemplarisch mit der Geschichte des dargestellten Fundaments auseinanderzusetzen „und am christlich-jüdischen Verhältnis generell zu arbeiten“.
Der Kunstwettbewerb war im August 2023 vom Domkapitel ausgelobt worden. Die Initiative zu dem Wettbewerb kam von einem interreligiösen Arbeitskreis, der sich seit Jahren mit dem Umgang mit den antijüdischen Kunstwerken in der Domarchitektur auseinandersetzt. Ihm gehören Vertreter des Domkapitels, der Synagogengemeinde Köln, der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der evangelischen Kirche in Köln sowie Fachleute aus Kunst und Kirche an.
Eine Jury aus Expertinnen und Experten wählte den Siegerentwurf aus 15 Einreichungen aus. Das Domkapitel geht nach eigenen Angaben von Umsetzungskosten in fünfstelliger Höhe aus. Die Arbeiten nehmen voraussichtlich ein Jahr in Anspruch. Alle 15 Wettbewerbsentwürfe werden bis zum 17. April im Kölner Dom ausgestellt.
Andrea Büttner ist Professorin für Grafik und Malerei an der Akademie der Bildenden Künste München. Sie nahm unter anderem an der Documenta 13 teil. Arbeiten der 1972 geborenen Künstlerin sind unter anderem in der Londoner Tate Gallery of Modern Art, dem Museum of Modern Art in New York und dem Lenbachhaus in München zu finden.