Städtepartnerschaften: Viel mehr als ein Schild am Ortseingang
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Es gibt mehr als 2.200 deutsch-französische Städtepartnerschaften.
Nach dem Zweiten Weltkrieg sind rund 7.000 Partnerschaften entstanden
Berlin, Krefeld (epd).

Aachen und Reims, Leipzig und Krakau, Krefeld und Dünkirchen: Um Völkerverständigung von unten zu leben, sind nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Gemeinden Städtepartnerschaften eingegangen. Denn wer sich kennt, versteht sich. Das gilt als beste Grundlage, um friedlich miteinander zu leben.

Deutsche Kommunen haben insgesamt rund 7.000 Partnerstädte weltweit, gut 90 Prozent innerhalb Europas. Darunter sind mehr als 2.200 deutsch-französische und rund 800 deutsch-polnische Kommunalpartnerschaften, wie in der Datenbank des Rats der Gemeinden und Regionen Europas aufgelistet ist.

Bereits seit 50 Jahren besteht die Partnerschaft zwischen dem 4.400 Einwohner zählenden Wiesbadener Stadtteil Naurod und Fondettes, einer französischen Kleinstadt in der Nähe von Tours. Dabei sind langjährige Freundschaften entstanden. „Wir sehen, dass insbesondere diejenigen Jugendlichen, deren Familien fest in der Partnerschaft verwurzelt sind, wie selbstverständlich in diese hineinwachsen und früh selbst Verantwortung übernehmen“, sagt Martina Schaad, Vorsitzende des Partnerschaftsvereins.

Im April erwartet Naurod wieder einmal 20 französische Jungen und Mädchen, die mit gleichaltrigen Jugendlichen in Gastfamilien untergebracht werden. Rund zwei Drittel der Teilnehmenden in diesem Jahr sind noch sehr jung - im Alter von 11 bis 13 Jahren - und nehmen das erste Mal am Jugendaustausch teil. Der Gegenbesuch in Fondettes ist für das nächste Jahr geplant. In den fünf Nauroder Tagen stehen etwa Drachenbootfahren, ein Besuch im Kloster Eberbach, gemeinsames Kochen und ein Videodreh auf dem Programm.

„Angesichts des dynamischen Wandels unserer Welt sind Partnerschaften zwischen Städten und Gemeinden oder Bundesländern und Regionen wichtiger denn je“, sagt Tobias Bütow, Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks in Berlin, das Begegnungen im Rahmen von Städtepartnerschaften unterstützt: „In Zeiten eines Krieges vor den Toren der Europäischen Union ist europäischer Jugendaustausch konkrete Friedens- und Zukunftsarbeit.“

Die Themen der Begegnungen habe man mit den Jahren den Lebenswelten junger Leute angepasst: Es gehe um Sport, Umwelt und Erinnerungskultur. Wobei eines auffällig ist: Die Jugendlichen von heute in Deutschland interessierten sich mehr für die Aufarbeitung von Geschichte und den Zweiten Weltkrieg als ihre Vorgängergeneration, hat Bütow bemerkt.

2024 feierten auch Krefeld und die nordfranzösische Stadt Dünkirchen ihre 50-jährige Städtepartnerschaft. Oberbürgermeister Frank Meyer (SPD) verwies in der Feierstunde auf den Ursprung der Partnerschaft: „Es ging darum, sich besser kennenzulernen und Begegnungen zu schaffen, damit wir nie wieder aufeinander schießen.“ Die Erinnerungskultur spiele eine besondere Rolle, zahlreiche Projekte mit Schülergruppen in beiden Städten widmeten sich der Thematik von Krieg, Flucht und Verfolgung.

Stefan Mehrens ist beim Deutsch-Polnischen Jugendwerk in Potsdam zuständig für die Kommunalpartnerschaften. Wie hilfreich enge Verbindungen zwischen Personen und Institutionen speziell in Krisenzeiten seien, habe man zuletzt etwa bei der Ukraine-Unterstützung gesehen oder auch bei der Hochwasser-Situation in Polen im Herbst 2024, sagt er. Auch Mehrens weiß um die besondere Rolle von Jugendaustausch: „Bei einer Jugendbegegnung lernen Teilnehmende nicht nur die touristische Seite eines Landes oder einer Stadt kennen, sondern kommen in Kontakt mit Gleichaltrigen und ihrem Alltag.“

Mehrens erinnert sich besonders an einen Austausch vom September 2024, in dem sich junge Frauen aus den Partnerstädten Leipzig, Krakau und Kiew trafen, um sich über die Rolle der Frauen in ihren jeweiligen Ländern und über weibliches Empowerment in ihren Städten auszutauschen. Oder an ein Treffen der Jugendparlamente aus den Partnerstädten Wrocław und Dresden mit ukrainischen Jugendparlamenten aus Kiew und Chmelnyzkyj.

Organisierte Begegnungen ermöglichten auch Jugendlichen, die noch nie eine Auslandserfahrung machen konnten, einen geschützten Raum, ergänzt Bütow vom Deutsch-Französischen Jugendwerk: „Durch das gemeinsame Arbeiten an einem Projekt lernen Jugendliche in internationalen Teams zu arbeiten, Kompromisse zu schließen; gemeinsam Entscheidungen zu treffen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.“ Er betont, dass sich das Deutsch-Französische Jugendwerk als ein Angebot für alle jungen Menschen verstehe, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern.

„Klar ist: Unter 30-Jährige sind insgesamt in unserer Gesellschaft und auch in Städtepartnerschaften unterrepräsentiert“, sagt er. Doch oftmals brächten gerade sie die Innovationen und Lösungskompetenz für die Herausforderungen unserer Zeit mit. Tobias Bütow: „Städte- und Regionalpartnerschaften sind für junge Menschen viel mehr als ein Schild am Ortseingang - sie können das Tor zur Welt öffnen.“

Von Claudia Kroll-Kubin