Appell der Seemannsmission: Keine russisch-ukrainischen Crews an Bord
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Seemannspastor Matthias Ristau
Rastede, Kr. Ammerland (epd).

Der Generalsekretär der Deutschen Seemannsmission, Matthias Ristau, hat an die Reeder in der ganzen Welt appelliert, an Bord ihrer Schiffe nicht gleichzeitig russische und ukrainische Seeleuten einzusetzen. Zwar befolgten inzwischen viele Reedereien diesen Rat, doch gebe es auch drei Jahre seit Beginn des Angriffskrieges immer noch gemischte Crews, mit den entsprechenden Spannungen an Bord, sagte er in Rastede bei Oldenburg am Rande einer Konferenz der 15 deutschen Inlandsstationen der Deutschen Seemannsmission: „Auch wenn normalerweise Politik an Bord kein Thema ist - der Krieg ist allgegenwärtig.“

Es sei nicht einfach, auf engstem Raum mit Menschen zusammenzuarbeiten, deren Nation möglicherweise für den Tod eines Angehörigen verantwortlich ist. Getrennte Mannschaften würden die Lage auf den Schiffen sehr entlasten, sagte Ristau. Doch bleibe den Besatzungen oft keine Wahl, da sie trotz des Fachkräftemangels auf ihre Jobs angewiesen seien.

An Bord der Schiffe konzentrierten sich die weltweiten Krisen, verdeutlichte Ristau. Während der Corona-Pandemie hätten die Besatzungen in den Häfen oft nicht von Bord gedurft. Schiffen, die ukrainische Häfen anlaufen, drohe der Beschuss - aber auch in den Gewässern südlich des Jemen müsse mit Angriffen der Huthi-Rebellen gerechnet werden. Dort habe sich jedoch die Lage seit dem Waffenstillstand im Gazastreifen etwas entspannt.

Stress an Bord gepaart mit Alltagssorgen um die Familie sei sehr belastend, sagte der Theologe. In den Seaman-Clubs könnten sich Crewmitglieder ihre Sorgen und den Frust von der Seele reden. „Wir sind da und haben Zeit für Gespräche.“ Auch wenn Seeleute oft dem Klischee vom schweigsamen Seebären entsprächen, „kommen wir doch schnell ins Gespräch, wenn es gewünscht ist.“

Das gelte insbesondere für die Seelsorge nach schlimmen Erfahrungen. Etwa im Oktober 2023, als zwei Frachtschiffe auf der Nordsee zusammenstießen. Eines der Schiffe sank unmittelbar nach der Kollision. Nur zwei der sieben Besatzungsmitglieder überlebten. „Wenn die Rettung der Überlebenden geschafft ist, sind wir dran“, sagte Ristau. Die professionelle psychosoziale Notfallversorgung der Seemannsmission sei inzwischen besonders wichtig geworden. In diesem Fall seien die Mitarbeitenden der Seemannsmission an Bord des beteiligten Havaristen gegangen und hätten die Überlebenden im Krankenhaus betreut.

Die Seelsorge an den Männern und Frauen, die oft über Monate an Bord leben und arbeiten, sei die eigentliche Aufgabe der Seemannsmission, unterstrich der Generalsekretär. „Ich wünsche mir für diese Leute mehr Respekt und Anerkennung.“ Kaum jemandem an Land sei klar, was diese Menschen leisten. Rund 90 Prozent der Waren, die über deutsche Verkaufstresen gehen, seien auf dem Seeweg dorthin gelangt. Das habe sich gezeigt, als 2021 das Containerschiff „Evergreen Line“ den Suezkanal blockierte. Damals sei deutlich geworden: „no shipping - no shopping“.

epd-Gespräch: Jörg Nielsen