
Die Akademisierung von Pflegekräften kommt nur schleppend voran. Dabei würden mehr graduierte Fachkräfte bessere Ergebnisse in der Patientenversorgung erzielen. Zudem könnte die Akademisierung ein Mittel gegen den Fachkräftemangel sein.
Köln (epd). Das Ziel liegt noch weit entfernt. Mindestens zehn Prozent der pflegenden Fachkräfte sollten eine akademische Ausbildung vorweisen können, forderte der Wissenschaftsrat im Jahr 2012. Zehn Jahre später waren es laut aktuellem Pflegereport gerade mal drei Prozent.
Diese drei Prozent sind auch überwiegend nicht in der direkten Patientenversorgung tätig, sondern in der Verwaltung oder in der Wissenschaft. Nach den Worten des Leiters des Instituts für Pflegewissenschaft der Kölner Uniklinik, Sascha Köpke, ist die Akademisierung auch in der direkten Versorgung je nach Branche unterschiedlich weit zurück. „An den Unikliniken sind es etwa zwei bis drei Prozent der Pflegekräfte, die einen Hochschulabschluss haben“, erklärt er. In der Langzeitversorgung, also in Pflegeheimen oder in ambulanten Pflegediensten, seien es unter einem Prozent.
Hochschulische Ausbildung sollte beschleunigt werden
Deutschland täte gut daran, die hochschulische Ausbildung seiner Pflegekräfte zu beschleunigen. Denn die Forschungslage zeigt eindeutig: Die Akademisierung der Pflege nutzt Pflegebedürftigen und deren Angehörigen.
Eine Studie, die neun europäische Länder miteinander verglich, zeigte, dass der Einsatz akademisch ausgebildeten Pflegepersonals die Patientenversorgung verbessert. Nachgewiesen wurden weniger Druckgeschwüre, Harnwegsinfektionen, Stürze, Thrombosen und Embolien. Zugleich sanken die durchschnittliche Verweildauer und die Zahl der Todesfälle im Krankenhaus. Laut einer anderen Studie starben sieben Prozent weniger Patienten nach Operationen, wenn die Zahl von Pflegekräften mit Bachelorabschluss um zehn Prozent stieg.
Zudem zeigt die Studienlage: Graduierte Pflegekräfte erledigen Aufgaben, die zuvor allein Ärztinnen und Ärzten vorbehalten waren, mindestens gleich gut. Abstriche bei der Patientensicherheit wurden keine verzeichnet. Akademisiertes Pflegepersonal kann im Gegenteil Patientinnen und Patienten mit chronischen Krankheiten wie Diabetes und COPD offenbar besser dazu motivieren, sich an Behandlungspläne zu halten.
Wenig Forschung zu Deutschland
Institutsleiter Köpke weist darauf hin, dass diese Forschungsergebnisse bislang eher aus anderen Ländern stammen. In Deutschland habe es bislang schlicht zu wenige graduierte Kräfte gegeben, um sie sinnvoll erforschen zu können. „Aber die Ergebnisse lassen sich sicher auf Deutschland übertragen, auch wenn die Gesundheitssysteme sehr unterschiedlich sind“, sagt er.
Nicht nur Patienten, sondern auch deren Angehörigen nutze eine Akademisierung der Pflegeberufe, erklärt Köpke: „Sie sind zufriedener, fühlen sich besser informiert und haben weniger Angst um ihre pflegebedürftigen Angehörigen.“ Zwar seien auch hier die Forschungsergebnisse noch dünn gesät. Aber die wenigen Ergebnisse, die es gebe, wiesen in eine positive Richtung.
Modell sagt Studienergebnisse voraus
Noch einen bemerkenswerten Effekt hat die Akademisierung von Pflegerinnen und Pflegern: die Abmilderung des Fachkräftemangels. Denn wenn Pflegende einen Hochschulabschluss hatten und auch entsprechend ihrer Qualifikationen eingesetzt wurden, zeigte sich in den Studien eine höhere Zufriedenheit mit Beruf und Arbeitsplatz. Dieser Befund kann allerdings kaum überraschen, denn er ist konform mit dem sogenannten Effort-Reward-Imbalance-Modell.
Dieses Modell, entwickelt vom Schweizer Medizinsoziologen Johannes Siegrist, liefert eine Erklärung dafür, warum Pflegekräfte ihrem Beruf den Rücken kehren. Verkürzt gesagt, tun sie es deswegen, weil ihre Leistungen und die Anerkennung für ihre Leistungen im Ungleichgewicht stehen. Anerkennung kann in Geld bestehen oder immateriell sein, etwa Aufstiegschancen oder Ansehen in der Bevölkerung. All diese Faktoren werden durch eine Akademisierung gestärkt.
Daher stimmt auch Köpke der Annahme zu, dass mehr graduierte Pflegekräfte ein Mittel gegen den Fachkräftemangel sind, weil die Beschäftigten dann länger im Beruf bleiben und häufiger Vollzeit arbeiten. „Das ist natürlich alles ein wenig spekulativ“, schränkt er ein, „aber alles, was wir wissen, deutet darauf hin.“
Rollen für Graduierte
Wichtig sei hierbei vor allem, dass akademisierte Kräfte, die eine klinische Tätigkeit gewählt haben, auch die Chance haben, auf ihrem erweiterten Niveau tätig zu sein, erklärt der Forscher: „Diese Rollen für akademisierte Pflegekräfte gibt es derzeit vor allem im Krankenhaus.“ Graduierte Fachkräfte arbeiteten daher bislang vor allem in der Akutpflege, hauptsächlich in Krankenhäusern.
In der Langzeitpflege, also in Heimen oder im ambulanten Sektor, sind sie bislang noch absolute Ausnahmen. Welche Effekte graduierte Fachkräfte in der Langzeitpflege haben, ist auch deswegen noch nicht ganz geklärt. Studien sind noch dünn gesät und überdies methodisch sehr unterschiedlich, entsprechend unterscheiden sie sich in ihren Ergebnissen. Köpke sagt allerdings, alles deute darauf hin, dass die Pflegerinnen und Pfleger „eher bessere als schlechtere Ergebnisse als Hausärzte“ erzielten.