Aus dem Reich der Toten
Der neue japanische Horrorfilm


Jörg Buttgereit

Spätestens mit dem Video-Export von Hideo Nakatas kultigem Ringu-Film ist die Nachricht bei uns angekommen, dass das japanische Horrorkino derzeit eine Blüte erlebt. Viele der einschlägigen Produktionen werden stante pede in  Hollywood-Ware verwandelt – und verlieren dabei ihren eigenwilligen Charme. Jetzt hat Nakata selbst das amerikanische Remake seines Ringu-Sequels inszeniert.

In Japan glaubt man, dass die Geister der Verstorbenen, bevor sie im Jenseits ihre Ruhe finden, eine Weile in der Nähe der Lebenden bleiben. Hat man zu Lebzeiten bestimmte Dinge nicht erledigt oder ist man durch mächtige Gefühle wie Liebe oder Hass an das Diesseits gebunden, kann es sein, dass man den Weg ins Totenreich nicht findet und als ruheloser Geist unter den Lebenden umherspukt. Während in Amerika die Toten sehr handgreiflich als Fleisch fressende Zombies durch die Horrorfilme wandeln, sind es im Land der aufgehenden Sonne vielmehr die Geister der Toten, die für die Gänsehaut der Kinozuschauer verantwortlich sind. Schon in zahlreichen klassischen No-Theaterstücken tauchen sie auf, um die Lebenden zu bitten, in ihrem Namen eine Aufgabe zu vollenden.

Don’t look now
Hideo Nakatas Ringu (japanisch für „Ring“, nach einem Kultroman von Kôji Suzuki) und die Fortsetzungen Ringu 2 und Ringu 0 sind die im Westen bekanntesten Vertreter der neuen japanischen Horrorwelle, die längst auch Hollywood neidisch in den Fernen Osten blicken ließ. In der Ringu-Trilogie geht es um eine Videokassette mit einem bizarr bruchstückhaften und unheimlichen Film, der jedem den Tod bringt, der ihn gesehen hat. Eine junge Journalistin macht sich auf die Suche nach dem Geheimnis hinter dem Video. Sie findet heraus, dass der Auslöser des Fluchs der ruhelose Geist der jungen Sadako Yamamura ist, die schon vor 30 Jahren in einen tiefen Brunnen gesperrt wurde. Ganz langsam kriecht die Ertrunkene gurgelnd aus dem Brunnen und schließlich aus dem Fernsehgerät, um die verfluchten Videogucker zu Tode zu erschrecken. Wie erstarrte Wasserleichen sitzen sie mit weit aufgerissenen Augen vor der Flimmerkiste.

Der bedingungslose Glaube der Japaner an den technischen Fortschritt scheint sich im digitalen Zeitalter in einer Angst vor den alten analogen Techniken und ihrer unabwägbaren Störanfälligkeit zu manifestieren. Im Bildrauschen des alten Magnetbandes der Videokassette lauert das Böse. Aus dem Videodropout greift die verkrampfte Hand des ruhelosen Geistes nach dem hilflosen Konsumenten. Sicher haben sich die adaptierfreudigen Japaner auch von westlichen Horrorvorbildern der achtziger Jahre wie Tobe Hoopers Poltergeist und David Cronenbergs Videodrom inspirieren lassen. Wie viel Grauen ein eigentlich belangloses, verrauschtes Videobild auslösen kann, hat auch schon David Lynch in Lost Highway gezeigt. Doch jetzt sind es die großen Studios in Hollywood, die den Japan-Horror weltmarktkompatibel auswerten.

Die etwas andere Ring-Trilogie
Mit ungleich höheren Budgets hat DreamWorks inzwischen seine imposanten amerikanisierten Remakes Ring (von Gore Verbinski) und Ring 2 (von Hideo Nakata selbst, Start am 31.3., Kritik S. 40) realisiert. Sogar ein Mainstream-Gruselfilm wie White Noise – Schreie aus dem Jenseits mit Michael Keaton wirkt inhaltlich wie eine Variante von Nakatas Ringu, auch wenn er keine unmittelbare japanische Vorlage hat. Als ersten Film seiner Produktionsfirma Ghost House Pictures ließ Sam Raimi den Japaner Shimizu Takashi gleich selbst ein werkgetreues Remake seines eigenen Films  Ju-on – The Grudge in Tokio drehen. Allerdings sicherheitshalber mit bekannten amerikanischen Hauptdarstellern wie „Buffy“-Star Sarah Michelle Gellar oder Bill Pullman. Als ob es einem westlichen Publikum nicht zuzutrauen wäre, die Schauspieler eines Filmes mit ausschließlich japanischer Besetzung auseinander zu halten oder gar sich mit ihnen zu identifizieren.

In Ju-on findet eine junge Altenpflegerin eine verwahrloste alte Frau in einem Einfamilienhaus. Diesmal liegt der Fluch gleich auf einem ganzen Gebäude und dessen ehemaligen Bewohnern. Im Wandschrank hockt ein bleicher kleiner Junge, der wie eine Katze kreischt. Eine weiß geschminkte junge Frau kriecht mit verdrehten Gliedern, weit aufgerissenen Augen und fürchterlich röchelnd die Treppe aus dem ersten Stock hinunter. Mit ihrem stilisiert aufgetragenen weißen Make-up und ihren theaterhaften Bewegungen haben die Unruhe stiftenden Hausgeister aus Ju-on und das ertrunkene Mädchen Sadako in Ringu das Erscheinungsbild der schaurigen Butoh-Tänzer. Butoh, das ist der „Tanz der Finsternis“, bei dem sich die Tänzer ihre halbnackten Körper mit weißer Farbe beschmieren, ihre Glieder verrenken und wild mit den Gesichtern grimassieren. In den zuckenden Körpern der Tänzer scheint ein Kampf zwischen der unsterblichen Seele und ihrer sterblichen Hülle stattzufinden. Butoh ist eine noch sehr junge, erst in den späten fünfziger Jahren entstandene, experimentelle Kunstform, die sich mit verdrängten Trieben auseinander setzt, um den Körper gewissermaßen zu befreien.

Den detaillierten Schwarzweiß-Zeichnungen der Comics von Junji Ito ist der spielerische Uzumaki von Regisseur Higuchinsky entliehen. Hier geraten ein japanisches Schulmädchen und ihr Dorf in den Strudel eines seltsamen Spiralen-Fluchs. Überall finden sich Spiralen. Die langen schwarzen Haare der Schulmädchen winden sich wie die Schlangen auf dem Kopf der Medusa. Die zerbrochenen Körper der Opfer haben spiralförmig verdrehte Glieder. Uzumaki ist ein kleines, wirres Horror-Märchen mit naiver Splatter-Ästhetik und dramaturgischen Schwächen, das nicht an die skurrile Manga-Vorlage heranreicht. Junji Itos unsterbliches Dämonenmädchen Tomie hat es mittlerweile gar zu fünf, recht harmlosen Teenhorror-Verfilmungen mit wechselnden Hauptdarstellerinnen gebracht.

In der hierarchisch von Männern dominierten japanischen Gesellschaft sind es interessanterweise meistens die „schwachen“ Frauen oder Kinder, die den Horrorfilm in Form von gepeinigten Geistern bevölkern. Ein echter Frauen-Horrorfilm ist der ebenfalls von Hideo Nakata nach einer Vorlage von Kôji Suzuki inszenierte Dark Water. Die junge Mutter Yoshimi Matsubara kämpft um das Sorgerecht für ihre fünfjährige Tochter und ist nach der Trennung von ihrem Mann gezwungen, mit dem Kind eine zu kleine Wohnung in einem heruntergekommenen, feuchten Neubaukomplex zu beziehen. Neben ihren Zukunftsängsten werden die beiden von dem Geist eines kleinen Mädchens gequält, das in der Wohnung über ihnen spukt. Im bereits abgedrehten Hollywood-Remake von Dark Water hat Jennifer Connelly die Hauptrolle der kämpferischen Mutter übernommen, Regie führte immerhin Walter Salles. Für das geplante Remake von Hideo Nakatas wirrem Thriller Chaos, in dem die Frau eines wohlhabenden Geschäftsmannes ihre eigene Entführung und Ermordung plant, sind Robert De Niro und Benicio Del Toro im Gespräch.

Frauen und Kinder zuerst
Dass sich die zierliche japanische Frau nicht völlig schutzlos der Männerherrschaft ergibt, zeigt auch der unterkühlte Audition. Der mit seinem immensen Output von mindestens vier Produktionen pro Jahr zum Regiestar avancierte Takashi Miike setzt jedoch weniger auf schemenhafte Geisterwesen denn auf schonungslosen Realismus. Der verwitwete Geschäftsmann Aoyama sucht sich bei einem Casting, das ein befreundeter Filmproduzent extra für ihn veranstaltet, die grazile Tänzerin Asami als zukünftige Lebenspartnerin aus. Nach einer behutsam inszenierten Liebesgeschichte eskaliert der Film jedoch im letzten Viertel in eine überraschende Folterorgie, auf die der Zuschauer in keinster Weise vorbereitet ist. Aus der zierlichen Asami wird ein kühler Racheengel in schwarzer Gummischürze, der Aoyama und dessen Sohn langsam zu Tode foltert. Als etwas halbherzige Motivation für Asamis Rachfeldzug dienen die in Rückblenden angedeuteten Misshandlungen durch ihren Onkel. Dennoch löst sich die unscheinbare Asami aus der vom japanischen Mann geforderten Verfügbarkeit der Frau und kehrt die in Slasherfilmen unterschwellig bedienten männlichen Vergewaltigungsfantasien ins Gegenteil um. Einen vergleichbar verstörenden Effekt hat Miike, dessen ausufernde Filmographie auch Yakuza-Filme wie Dead or Alive oder gar Superhelden-Kinderkram wie Zebraman umfasst, vielleicht noch bei der „schmuddeligen“ Videoproduktion Visitor Q erreicht. Mit anarchistischer Wucht und großzügigem Einsatz von Körperflüssigkeiten tritt Miike in dieser zynisch kruden Billigproduktion die Institution der japanischen Familie mit Füßen und entlarvt sie als längst überholt, ja gar als soziale Apokalypse.

An dem Versuch, US-Horror à la George R. Romero für den japanischen Markt zu adaptieren, scheitert Muroga Atsushi mit seinem uninspirierten Zombie- Massaker Junk. Dabei liest sich die Story wie guter, sozialkritisch untermauerter Trash: In einer Fabrik auf der Insel Okinawa wurden von den dort stationierten US-Truppen dubiose Experimente an Leichen durchgeführt. Fortan wandeln jede Menge japanischer Zombies über die Blumeninsel, die zum Abschuss freigegeben sind. Dabei wird deutlich, dass japanische Horrorfilme immer dann einen Reiz entfalten, wenn sie sich an den japanischen Konzepten des Grauens orientieren. Vieles bleibt hier unerklärt. Den Zwang zur logischen Auflösung eines Rätsels gibt es nicht. Was wissen wir Sterblichen schließlich über das Jenseits? Oft ist es die für Japan so typische Reduktion auf das Wesentliche, das weiß geschminkte Gesicht eines Kindes, das aufgerissene Auge hinter dem schwarzen Vorhang aus nassen Mädchenhaaren, die totenbleiche Geisterhand am Hinterkopf der schutzlos duschenden Protagonistin, die überall auf der Welt unweigerlich zu einer wohligen Gänsehaut führt.

epd Film 4/2005









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